von Wolfgang Erdmann
Retten von Kunst- und Kulturgut ist eine Aufgabe
der Feuerwehr. Es muß deswegen auch geübt werden, was selten geschieht - außer
in Schneidhain! Hier fuhr man am 28. März 1995 einen entsprechenden Einsatz.
Die Taunus-Zeitung berichtete darüber mit einem Bild von Markus Bender am 30.
April, wieder abgedruckt in der letztjährigen „Schneidhainer Feuerwehr“
(Ausgabe 6 vom 20. Dezember 1995, S.33).
Daß
dieses Photo vom „Übungs“-Einsatz in der Schneidhainer katholischen Kirche ein
gestelltes ist und mitnichten das „Retten-Üben“ wiedergab, verschwieg die
Presse. Bender hetzte nämlich zu spät in die Kirche; die Herunternahme des
Kruzifixes war längst geschehen - so schnell hatte die Schneidhainer Feuerwehr
„gerettet“! Deswegen mußten einige Beteiligte mit dem guten Stück erneut auf
die Leiter klettern und den als Zuschauer anwesenden Restaurator Kurt Knüttel
hinzubitten, damit er gemeinsam mit Harald Werner aus den Händen des auf der
Leiter stehenden Martin Mühlbauer das Kunstwerk photogen entgegennähme. Das
gestellte Photo erkennt man auch daran, daß der vorher beteiligte Achim Weck
nun nur noch zuschaut und die übrigen Handanleger auf der Aufnahme fehlen.
Soweit
das Anekdotische, damit der Anteil der Schneidhainer Feuerwehr an dem, was es
folgend zu berichten gilt, auch ja nicht vergessen werde, war doch die
Herunternahme und die Wiederaufstellung des Kruzifixes eine wesentliche
Voraussetzung für die hier gegebenen Erläuterungen und Erkenntnisse. Und: Die
Schneidhainer Feuerwehr ist offenbar schneller als es die Presse erlaubt.
Wozu das Gewese? Die „Rettungs-Übung“ war nicht der
eigentliche Grund dieses Vorganges, wie alle Beteiligte wußten. Zunächst ging
es darum, das Kruzifix von seinem hohen Standort auf dem „Spanischen
(Feld-)Altar“ herunter zu nehmen, um es am 2. April 1995 bei einer Führung des
Vereins für Heimatkunde Königstein aus der Nähe betrachten zu können. Dieses
Vorhaben bot wiederum günstige Gelegenheit, das 1980/83 von Kurt Knüttel
restaurierte Stück wieder von ihm reinigen zu lassen, was der Verein zu
finanzieren gedachte, aber dann von Knüttel „gespendet“ bekam.

Das Schneidhainer Kruzifix
nach
der Restaurierung 1980 durch Kurt Knüttel
in dessen Werkstatt.
Photo: Kurt Knüttel.
Die eingehende Begutachtung ergab, daß unser Kruzifix die verflossenen zwölf Jahre an seinem, den Temperatur- und Luftfeuchigkeits-Schwankungen besonders ausgesetzten Standort ohne Schäden überstanden hat - anders als vermutet. Es fand sich noch nicht einmal eine erwartete Dreckkruste, die zu beseitigen sich Knüttel erboten hatte.
Danach
kam das Kruzifix einige Tage in die Königsteiner Werkstatt Knüttels. Dort
entstaubte und reinigte er es fachmännisch. Zudem setzte er ein spezielles
Lederpflegemittel ein - entwickelt vom Offenbacher Ledermuseum - und tränkte
damit mittels Injektion die innen liegenden Lederbänder, damit sie sich nicht
verhärten und biegsam bleiben. Das ist die noch zu erläuternde Besonderheit des
Schneidhainer Kruzifixes, daß es in Achseln und Ellenbogen seiner Arme hölzerne
Gelenkkugeln besitzt, um die am Kreuz ausgestreckten Oberarme nach Abnahme
hiervon anlegen und die Unterarme beugen zu können. Die hölzernen Gelenkkugeln
werden durch Lederbänder gehalten, welche in den Innenseiten der hohlen Arme
verdübelt sind.
So
wurde der zum weiteren Erhalt des Stückes wünschenswerte Nebeneffekt einer
Herunternahme des Kruzifixes schon fast zur Hauptsache. Das gilt dann ebenso
für die genaue Betrachtung aus der Nähe, die nun möglich war. Daran hatten die
Besucher am 2. April direkte Teilhabe. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse
wurden in einem Zeitungsartikel veröffentlicht; die wesentlichen Passagen
bringen wir hier auf Seite 37 als
Dokumentation erneut zum Abdruck.
Sie
beziehen sich vor allem auf die Machart dieser Skulptur und deren Erhaltungszustand.
Die Figur weist nicht nur die erwähnten lederbandbefestigten Kugelgelenke auf,
wofür man Ober- und Unterarm aushöhlen mußte, sondern es ist der ganze Corpus
insgesamt ausgehöhlt. Das mindert nicht nur dessen Gewicht für den noch zu
schildernden Gebrauch. Vielmehr ist es im Mittelalter allgemein üblich gewesen,
Holzskulpturen auszuhöhlen, damit sie beim Trocknungsprozeß und bei stärkeren
Temperatur- und Luftfeuchtigkeits-Schwankungen am Aufstellungsort nicht
reißen.
Der
Körper der Schneidhainer Christus-Figur ist - wie leicht festzustellen war -
aus zwei paßgenau gearbeiteten Holzschalen zusammengesetzt, welche besagten
Innenhohlraum lassen. Erkennbar war das an einer geradlinigen Fuge zwischen
den beiden Halbschalen: Über dieser Konstruktions-Fuge war die Farbfassung
gerissen, so daß auf sie zurückgeschlossen werden darf. Diese Farbfassung
dürfte wohl aus der Zeit des Barock stammen, was aber nur vermutet und nicht
ohne weitere Untersuchungen belegt werden kann.

Das Schneidhainer Kruzifix (Ausschnitt)
nach der Restaurierung 1980 durch Kurt
Knüttel
in dessen Werkstatt. Photo:
Kurt Knüttel.
Von Belang
ist, daß an einigen Fehlstellen der barocken Farbfassung eine ältere, darunter
liegende sehr gut erhalten ist. Deren Hautfarbton („Inkarnat“) ist nicht nur
bemerkenswert dunkler als die neue Fassung, sondern sie ist auch dicker aufgetragen
und fester. Aufgrund kleiner Vertiefungen im Farbauftrag der darüber liegenden
Barock-Fassung ist zu schließen, daß die darunter liegende Geißelspuren gezeigt
haben muß; sie sind als kleine Kerben zu vermuten, die rot eingefärbt gewesen
sein dürften.
Die
Dornenkrone zeigt ins Holz eingeschlagene Eisendraht-Stücke. Sie sind außen
abgebrochen, manche auch gänzlich ausgebrochen, haben dann aber Löchlein
hinterlassen. Wir erkennen darin Reste von „Dornenstacheln“ der ehemals „stachligeren“
Dornenkrone Christi.
Hände
und Füße der Figur weisen holzverdübelte oder vergipste Löcher auf. Durch sie
werden ehedem die „Nägel“ hindurchgeführt worden sein, mittels derer der Corpus
am Holzkreuz befestigt war. Damit erweisen sich die erhaltenen Kreuzesnägel
als neueren Datums und nicht ursprünglich. Die älteren dürften - von außen
nicht erkennbar - als Holzschrauben ausgeführt gewesen sein. Mit ihnen konnte
man die Figur durch Drehen der „Nägel“ vom Kreuz lösen oder dort wieder
anheften: Die in Achseln und Ellenbogen beweglichen Arme erfordern zwingend
einen solchen Mechanismus, um das Kruzifix liturgisch nutzen zu können.
Dazu
war die Armhaltung, ob gestreckt oder angeklappt bzw. gebeugt, auch fixierbar:
Aus den hohlen Unter- und Oberarmen sind längst erneuerte Bindfäden durch ein
Löchlein im Nacken der Figur gezogen; verknotete man sie außerhalb des Corpus,
war die jeweilige Armhaltung arretiert.
Mit
all diesen Befunden nähern sich Fertigungs-Technik und Mechanismus sehr
entsprechenden Kruzifixen des 14. und 15. Jahrhunderts in bzw. aus Italien.
Diese konnten geradezu als komplizierte Gliederpuppen gefertigt sein, sogar
mit beweglichem Kopf und beweglichen Beinen. Auch die Schalen-Bauweise
herrschte dort vor. Bis auf eine noch zu nennende Ausnahme haben sich nördlich
der Alpen keine derart bewegliche Bewegungs-Puppen nachweisen lassen (was aber
durch den unzureichenden Forschungsstand bedingt sein kann). Hier begnügte man
sich mit Scharnier-Konstruktionen in der Achsel oder neben den Schultern, wenn
es darum ging, Kruzifixe mit anklappbaren Armen zu bauen. Deswegen erscheint
uns die Schneidhainer Technik als italienisch oder italisierend.
Gleichwohl
hat man im Deutschland des 15. Jahrhunderts Skulpturen mit komplizierten
Mechaniken konstruiert. Es sei an die Figurenautomaten astronomischer Großuhren
oder an Orgeln erinnert. Es gab sogar sakrale Plastik „technischer“ Art:
beispielsweise jene Madonnenstatue, die der damals berühmte Universalkünstler
Bernd Notke (um 1440 - 1509) um 1478/79 für den neuen Hochaltar des Lübecker
Domes als lebensgroße Hauptfigur schuf. Vermöge eines Wasserschwammes und einer
verdeckten Zug- und Preßmechanik konnte sie „weinen“, aber sich auch beim
Klang zugehöriger „Himmelsglöckchen“ bewegen - im Hochaltar einer
bischöflichen Kathedrale!
In
solche Zusammenhänge gehört ein weiteres Kruzifix, welches durch seine
stilistische Ausprägung italienischer Herkunft sein könnte: Taubert 1969,
Kat.-Nr.3. Es stammt aus dem Benediktinerinnen-Kloster Döbeln in Sachsen und
datiert in die Zeit um 1510. Es hat Kugelgelenke sowohl in den Schultern als
auch in den Ellenbogen, ganz wie in Schneidhain. Sie sind aber zum Unterschied
mit bemaltem Leinen bespannt, sozusagen als Gelenkschalen, und werden nicht
von innen gehalten. Mit gleicher Technik machte man auch den Kopf beweglich.
Mittels Bindfäden war die Christus-Figur bewegbar, wie man mit ihnen jeweilige
Körperhaltungen fixierte. Im ausgehöhlten Rücken gab es ein Gefäß, welches mit
der Seitenwunde in Verbindung stand. So konnte diese zum „Bluten“ gebracht
werden. Das muß damals einen hohen Bedeutungswert gehabt haben, wenn wir
bedenken, daß der Blutstrahl aus der Seitenwunde Christi seit alters Bildformel
für das Sakrament und die Erlösung der Menschen war. Die Illusion des Tatsächlichen
ward dadurch noch weitergetrieben, indem das Döbelner Kruzifix eine Echthaar-Perücke
trug.

Konstruktions-Schemata
italienischer Kruzifixe des späten Mittelalters
nach Ehrlich 1990. Sie waren nicht nur
Halbschalen- oder Schlitzkonstruktionen, sondern man schuf neben Armen auch die
Köpfe und die Beine beweglich. Links: Kruzifix aus Lucca, Mitte 14. Jahrh. von
Nino Pisano (um 1315 - 1368); rechts: Kruzifix aus Siena, 1. Hälfte 15. Jahrh. von Giovanni di
Stefano Sassetta (1392 - um 1450).
Die
bisherigen Hinweise zeigen, daß die Eigenheiten des Schneidhainer Kruzifixes
kaum ohne weitere Vergleiche als solche erkannt und ohne Blick auf allgemeine
Entwicklungen im späten Mittelalter mitnichten erklärt werden können. Sie
lassen dieses Kruzifix dann eben nicht mehr als kuriös erscheinen - wie auf den
ersten Blick -, sondern als für die Entstehungszeit im Spektrum des Üblichen
liegend. Das Allgemeine erhellt das Spezielle. Deswegen wenden wir uns nun
solchen Fragen zu: dem Realismus im späten Mittelalter sowie der Kar- und
Oster-Liturgie der gleichen Zeit. Sodann gilt es, wenigstens ansatzweise zu
klären, wann und wo das Kruzifix gefertigt worden sein kann, für welchen Ort
und wie es nach Schneidhain kam.
Daß
sich die mittelalterlichen Bildkünste schrittweise zu dem hin bewegten, was
wir heute als „Realitäts-Darstellung“ bezeichnen, ist allgemein bekannt.
Zugleich ist es auch falsch, weil wir etwas anderes unter „Realität“ verstehen
als die Mittelalterlichen. Dieses schwerwegende Problem können wir hier nicht erörtern, denn sonst
geht uns der Zusammenhang mit dem Kruzifix verloren. Es sei nur betont, daß
sich die Bildkünste (worunter sich zur damaligen Zeit auch ein Teil der
Architektur als „abbildend“ und als Bedeutungsträger zählen lassen muß)
schubweise mit ihren Darstellungsarten einer „Realitäts“-Wiedergabe
annäherten.
Ein
solcher Schub macht sich in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts bemerkbar;
wir lassen ihn hier unbegründet und unkommentiert. Ein weiterer ist ein Jahrhundert
später festzustellen. Er bezieht sich vor allem auf die Darstellungsinhalte, so
daß es nicht nur neue Darstellungsformen gab, sondern auch neue Bildtypen.
Beide hängen mit der damaligen Mystik zusammen. Sie forderte, das mystisch
„Geschaute“ oder die in ihren Texten real-gegenständlich umschriebenen
Gedanken, Empfindungen oder Nachvollzüge auch bildlich darzustellen.
Andererseits dienten solche „Bilder“ dann auch als Medium mystischer Versenkung
oder dem Innewerden der Heilstatsachen und außerhalb der Gottesdienste der
Kirche der Schau-Devotion der Einzelnen.
Zu
den „neuen“ Bildern gehörte das Kruzifix mit beweglichen Armen: Es diente einer
„Kreuzabnahme“, einer „Beweinung“ und einer „Grablegung“ mit ein- und derselben
Figur, so daß alle biblischen oder im Sinne einer Leidens- und Erfüllungsmystik
notwendigen „Bild-Stationen“ nachvollziehend wiederholt werden konnten. Zwar
datieren die ältesten erhaltenen Kruzifixe dieser Art erst in das zweite
Viertel des 14. Jahrhunderts, dennoch ist deren Aufkommen als älter zu
erschließen.
Das
hängt mit einem weiteren „neuen“ Bildtyp zusammen: dem Andachtsbild der
Marienklage (Vesperbild, Pietà). Es zeigt, vollplastisch oder gemalt, Maria mit
dem vom Kreuz herabgenommenen Jesus vor sich im Schoß. Neueste Forschungen halten
die ältesten erhaltenen Vesperbilder als um 1330 entstanden; sie sind dadurch
gekennzeichnet, daß sie nicht aus einem Holzblock geschnitzt wurden, sondern
daß man die Christusfigur lose auflegte. Es ist überdies erweisbar, daß die
auflegbaren Christusfiguren Corpus’ von Kruzifixen mit schwenkbaren Armen
gewesen sein müssen, die man zuvor vom Kreuz hat ablösen können und denen man
dann auf den Knien Mariens die Arme anwinkeln oder „herabhängen“ lassen
konnte. Damit darf das Kruzifix mit beweglichen Armen erstens als im frühen 14.
Jahrhundert als aufgekommen und zweitens nicht mit der liturgischen, sondern
der Nutzung zur mystischen Schau-Devotion zusammenhängend (zu letzterer siehe
unten) gelten.

Kruzifixe mit schwenkbaren Armen sind die dingliche
Begründung decke
für einen neuen Bildtyp der Beweinung Christi durch seine Mutter Maria, das
Vesperbild oder (ital.) die Pietà. Mutmaßlich nach literarischer Vorlage durch
den „Heilsspiegel“ („Speculum humanae salvationis“, um 1324) hat man einer
Skulptur Mariens zur Vesper des Karfreitags einen Corpus mit schwenkbaren Armen
auf ihren Schoß gelegt und danach in bzw. auf das Hl. Grab gebettet. Diesen
Umstand hat die Forschung erst jüngst anhand ältester erhaltener Vesperbilder
festgestellt, welche noch Eigenheiten aus ihrer Entstehungzeit als Kopien beibehielten,
hier belegt mit der Pietà in St. Pelagius zu Rottweil (Württ.) aus der Zeit um
1330/40 nach Michler 1992. Besonders deutlich: Die Arme des Christus-Corpus
sind in sich starr und nur in den Achseln „beweglich“. Der Lendenschutz fällt
nicht in die Senkrechte des nunmehrigen Vesperbildes, sondern in diejenige
eines am Kreuze hängenden Corpus. Zur Demonstration hat Michler 1992 die
Photomontage „gekippt“.
In der
Konsequenz des nachvollziehenden „Geschehnisablaufes“ gab es zur gleichen Zeit
die ersten plastischen Darstellungen des „Heiligen Grabes“. Sie zeigen den
toten Christus auf einer Tumba oder auf dem Leichentuch liegend, umstanden von
den Trauernden. Später gab es auch solche Anlagen, die ein noch leeres
Leichentuch geradezu zelebrierten, auf welches man - nach der Marienklage - den
Corpus eines Kruzifixes mit beweglichen Armen legen konnte, nun auch die
Unterarme auf dem Leib zusammengelegt. Ein solches Heiliges Grab hat sich in
unserer Nähe in Alzey, St. Nikolai erhalten, geschaffen um 1430. Außerhalb der
Karwoche blieb dort das gespannte Leichentuch leer und wurde, wie die
vollständigen plastischen Hl.-Grab-Anlagen, zur Schau-Devotion genutzt, und
ferner Abbildungen von Leidenswerkzeugen, Bilder des Schmerzenmannes
(„Erbärmdebild“), großflächige Ölberg-Szenen und - reliquienähnlich - für den
Nachvollzug genutzte Leichentücher, etwa das Turiner Grabtuch.
Kruzifixe
mit schwenkbaren Armen und drastischen Leidensdarstellungen gehören also in
den Zusammenhang der neuen Schaudevotion seit dem 1. Drittel des 14.
Jahrhunderts und blieben noch lange in Gebrauch. Sie weisen Nutzungsparallelen
auf, in denen sie ebenfalls relevant waren, und stehen
frömmigkeitsgeschichtlich und kunstgeschichtlich sogar in noch weiter-
greifendem Kontext. Das gilt etwa für das Aufkommen von bildreichen
Altarretabeln mit Flügeln oder Sakramentstabernakeln. Es gilt ferner für
Bildprogramme, wofür wir in Schneidhain ebenfalls ein bedeutendes Beispiel mit
dem Sakraments-Tabernakel in der Evangelischen Johannis-Kirche besitzen.
Einen
zweiten Schub der „Realitäts“-Findung verzeichnen wir im 15. Jahrhundert - für
alle Bildkünste, gerade auch in der Plastik. Auch dieser Schub gründet auf
außerkünstlerischen Erscheinungen, hauptsächlich auf die sich immer weiter
verbreitende „Devotio moderna“ (die schließlich sogar in die Reformation
einmündete). Sie bezog sich auf die Lehren des Deventer Bußpredigers Geert
Groote (1340-1384) und seiner Nachfolger, etwa des Augustiner-Chorherren Thomas
von Kempen (1379-1471), welche die „Nachfolge Christi“ für jeden Einzelnen
propagierten, gerade durch Tätigkeit in und für die „Welt“ zur persönlichen
Erlösungserfahrung. In diesem Zusammenhang hielt man auch das Auge des
Betrachters für „autonom“ und trieb den „Realitäts“-Bezug der Kunstwerke immer
weiter, zum Teil bis in die Illusion heilsgeschichtlicher Gegenwart in den
Bildern hinein - um durch optische Wahrnehmung zu belehren und mystische
Gegenwart des Allgemeinen im speziellen Diesseits zu markieren. In diesen Schub
gehören etwa die oben genannten Kunstwerke, welche „weinen“ oder „bluten“
konnten, und auch unser Schneidhainer Kruzifix. Der Schub markiert also weniger
die Darstellungsinhalte als vielmehr die Darstellungsweise.
Freilich
datiert das unser Kruzifix noch nicht, sondern ordnet es grob ins 15. Jahrhundert
ein. Bestimmte Eigenarten, wie etwa die Bart- und Haarausbildung, das über
einen Strick fallende Lendentuch, die Anatomie von Bauch und des darüber-
liegenden Rippenansatzes weisen auf einen Entstehungszeitraum in der
spätesten Entwicklungsphase „spätgotischer“ Skulptur zwischen etwa um 1480
und um 1510 hin, in welcher der Künstlerindividualismus sehr weit getrieben und
direkte Einflüsse der italienischen Renaissance spürbar werden.

Die Gelenke
des Schneidhainer Kruzifixes sind zwar noch gängig; indes sind die Arme am
Kreuz fixiert. So kann nicht demonstriert werden, wie der Corpus als Grabfigur
mit angelegten Oberarmen und gekreuzten bzw. zusammengelegten Unterarlmen
ausgesehen hat. Als Ersatz sei dies mit dem Kruzifix aus St. Johann zu
Memmingen (Bayer. Schwaben) aus der Zeit um 1510 demonstriert, allerdings nur
mit einfach angelegten Armen. Nach Taubert 1969, Kat.-Nr. 17.

Zum Abschluß des
Karfreitags-Ritus bettete man den Grabchristus in oder auf das Hl. Grab. Dieses
konnte in seiner Ausformung ein extrem weites Spektrum einnehmen, je nach
örtlichen Verhältnissen, Traditionen oder Stiftungen. Es reicht von Nachbauten
der Hl. Stätten vor den Städten (z.B. Görlitz a.d. Neiße, um 1487 - 1504, und
Weilburg a.d. Lahn, um 1505) oder bei den jeweiligen Kirchen, wie das seit
anfangs üblich war (z.B. Insel Reichenau, um 930/40, und Konstanz, um 940/60),
und im späten Mittelalter beibehalten worden ist (z.B. belegt für Kronberg für
1371 oder Gelnhausen für 1490, versetzt 1825 auf den Reformierten Friedhof von
Bad Homburg und dort erhalten) bis zu kleinen und kleinsten Anlagen in den
Kirchen selbst. Ein Beispiel ist die Hl. Grab-Nische in der Ev. Kirche zu
Eppstein, geschaffen von der „Frankfurter Schule“ um 1433. In der skulptural
besonders gestalteten Wandnische war deren Rückseite mit den Trauerfiguren
bemalt, auf dem Mauerabsatz davor konnte der Grabchristus abgelegt werden, so
daß die Anlage einem Arkonsol-Grab entsprach. Aufwendiger ist indes das Hl.
Grab in St. Nikolai zu Alzey (Pfalz) aus der Zeit um 1425/30, das wir hier nach
Paessler 1982 abbilden: Steinfiguren des Joseph von Arimathia und Nikodemus
spannen das steinere Grabtuch so straff, daß es seitliche Falten zieht. Hierauf
war ein Kruzifix-Corpus mit beweglichen Armen zur Karfreitags-Vesper zu betten.
Sonst blieb es „leer“ und konnte der Schau-Devotion der Leiden Christi dienen -
wie das Turiner Grabtuch. Die Grabbettung umstehen steinere Trauerfiguren.
Weitere Figurenfragmente und solche von Architekturteilen belegen eine
aufwendige Anlage; ob sie aus der Friedhofskapelle des Alzeyer
Antoniterklosters stammt, ist ungewiß.
Welchem Kunstkreis
unser Kruzifix entstammt, vielleicht ein Import aus Italien oder den
Alpenländern ist, wollen wir hier nicht entscheiden. Dazu bedürfte es
ausführlicher, arbeitsintensiver Vergleiche, die auch deswegen so schwierig
sind, weil das Kruzifix kein besonders hervorragendes Kunstwerk sondern
künstlerischer Durchschnitt ist, das überdies in einer Art Serienproduktion für
den Verkauf auf dem „Kunstmarkt“ gefertigt wurde und deswegen dem
„allgemeinen“ Geschmack zu genügen hatte. Wir behalten uns das für einen
späteren Zeitpunkt vor und begnügen uns hier mit dem Verweis auf Serien- und
Exportware der auslaufenden Spätgotik um 1480/1510, die damals quantitativ und
qualitativ regelrechte Hochkonjunktur hatte. Sie war für jeden einigermaßen
zahlungskräftigen Kunden leicht käuflich zu erhalten - selbst über größere
Transport-Distanzen hinweg. Für das, was es folgend zum Kruzifix zu berichten
gibt, spielt Datierung und kunsträumliche Zuordnung keine entscheidende Rolle,
so daß wir uns mit dem hier knapp
Angeführten bescheiden wollen.
Der
wahrscheinliche Kauf des Kruzifixes auf dem „Kunstmarkt“ erläutert, wie ein
solches kirchliches Ausstattungsstück längst allgemein in Nutzung war, um der
Schau-Devotion im Klima der weit verbreiteten „Devotio moderna“ zu dienen.
Übrigens war man dieser gerade in der Herrschaft Königstein (ab 1505
Grafschaft) besonders zugetan. Dies erkennt man daran, daß die Herren von
Eppstein-Königstein 1437 an ihrer Hirzenhainer Familiengrablege ein
Augustiner-Chorherrenstift gründeten sowie an ihrem Residenzort Königstein
1466/67 ein Stift der „Brüder vom Gemeinsamen Leben“ („Kugelherren-Stift“);
beide Arten von Stiftsherren bzw. Regular-Kanonikern waren geradezu Exponenten
der „Devotio moderna“ und deren „tätiger Mystik“. So mag nicht wundern, daß
mit unserem Kruzifix ein solches Ausstattungsstück in die Region gekommen ist,
wohin genau, kann man nicht belegen. Darüber sind unten noch Vermutungen
anzustellen.
Die
liturgische Nutzung des Kruzifixes haben wir noch nicht angesprochen, nur
angedeutet. Sie muß aber eigens behandelt werden, wollen wir sie verstehen.
Deren lange Geschichte führt in die christliche Spätantike zurück. Für die
damalige Zeit sind gerade für die reichlich bepilgerten heiligen Stätten in und
um Jerusalem Prozessionen und Verehrungsformen des Hl. Kreuzes, Hl. Grabes,
der Geburtshöhle usw. überliefert. Für die Kar- und Osterzeit gilt dies ganz
besonders; deren Formen gingen dann in unterschiedlicher Weise in die Liturgien
der Christenheit ein und haben sich in Rudimenten bis heute erhalten.
Am
Ende des frühen Mittelalters kamen im Umkreis des benediktinischen Reformmönchtums
(Einsiedeln, Cluny, Gorze etc.) manche Ausweitungen der Liturgie und
außerliturgischen Bräuche auf; sie sollten späterhin allgemeinverbindlich
werden. Besonders gut sind sie für die Benediktiner-Abtei Reichenau (Insel im
Bodensee) dokumentiert, wo sich zugehörige Texte in zeitgleichen Handschriften,
der architektonische Rahmen und der Devotionsgegenstand selbst erhalten haben
oder für die Zeit der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts vorzüglich
erschließen lassen: Danach wurde zur Vesper des Karfreitags die Kreuzabnahme
nachvollzogen, um die „Klagen“ singen zu können. Dies geschah mit einem
Kruzifix, zunächst ohne dessen Corpus abnehmen zu können. Sodann wurde die
Grablegung vollzogen, ebenfalls mit diesem Kruzifix und zugleich mit dem
Sakrament. Das Hl. Grab blieb bis in die Osternacht bewacht, um dann die
Auferstehung still zu vollziehen und zur Matutin des Ostertages das „leere“ Grab durch die
„drei Marien“ besuchen und sie durch den „Engel“ über die Auferstehung belehren
zu lassen.
Dies
wurde im hohen und späteren Mittelalter überall dort vollzogen, wo
Klosterkonvente oder Stiftsgemeinschaften (also Mönche/Nonnen oder Regularkanoniker/Kanonissen)
Stundengebet hielten, in Kloster- und Stiftskirchen, im 15. Jahrhundert auch
dort, wo - wie in vielen Pfarrkirchen - ein Kollegium von Vicaren und/oder
Altaristen bestand (etwa wie in Königstein spätestens seit 1439). Selbst
kleinere Pfarrkirchen mit nur einem Geistlichen, aber mit Laienbruderschaften,
Zünften/Gilden usw. (dann auch wieder unter dem Einfluß der „Devotio moderna“!)
kannten im spätesten Mittelalter solche „Kar- und Oster-Feiern“.
Daß
für solche Art Quasi-Liturgie das Aufkommen der Kruzifixe mit schwenkbaren
Armen im frühen 14. Jahrhundert den oben geschilderten „Realitäts-Schub“ bedeutete
und von der eher bildabstrakten Nutzung eines Kruzifixes zur inhaltlichen
Bild-“Realität“ für den Teilnehmer an diesem Sonderritus führen mußte,
leuchtet ein: Nun waren Kreuzabnahme, Klage und Beweinung sowie die Grablegung
und die Grabwache mit ein- und derselben Figur, deren Gliederhaltung variabel
und fixierbar war, bildrealistisch darzustellen. Die einzelnen liturgischen
„Stationen“ wurden zu „beweglichen“ Bildern. Das „Geschehen“ spielte sich nun
nicht nur in Texten und Gesängen, sondern gleichberechtigt auch für das Auge
ab. So konnten denn Einzelbilder daraus, unabhängig von ihrem Ort im
Stundengebet, ebenso der Schau-Devotion dienen: die Pietà („Vesper-Bild“), das
Hl. Grab mit oder ohne Leichnam Jesu. Und in jenem Maße, in dem sich im Gefolge
der „Devotio moderna“ die Laienbeteiligung verbreitete und das „autonome Auge“
des Einzelnen kunst- und kirchenausstattungsbestimmend wurde, zogen solcherart
bildhafte Quasi-Liturgie, die Schau-Devotion, die vielen Einzelbilder oder
multibebilderte Altäre sowie gerade auch Figuren wie unser Kruzifix mit
schwenkbaren Armen für mehrere „Bilder“ - nicht gleichzeitig, sondern ge-
schehnisablaufend hintereinander - in die größeren und kleineren Pfarrkirchen
ein, zumeist gestiftet von den Pfarrgenossen zu deren Seelenheil.
Wie
und wann das Schneidhainer Kruzifix nach Schneidhain in die alte
Johannis-Kirche kam (die heutige evangelische Kirche), wissen wir nicht. Es
liegen keinerlei Quellen dazu vor. Von dort kam es 1949 in die neu erbaute
katholische Kirche und wurde zunächst als Missionskreuz benutzt, ehe Kurt
Knüttel das Kruzifix als Bekrönung des „Spanischen (Feld-)Altares“ auf diesem
befestigte.
Trotz
der eindeutigen Feststellung, daß man mangels Quellen und stilkritischer
Bearbeitung mitnichten die Herkunfts- und frühe Geschichte des Schneidhainer
Kruzifixes klären kann, seien darüber dennoch ein paar Überlegungen
angeschlossen, zunächst Spekulationen, die sich aber durch ihre Kombination zu
einer Hypothese runden, welche uns bei Quellenmangel Herkunftsaussagen
ersetzen muß, solange bis weiter „geforscht“ worden ist.
Daß
unser Kruzifix ein ausgeprochen katholisches, sprich altgläubiges,
Kirchen-Ausstattungsstück ist, dürfte außer Frage stehen: Es kann kaum vom
lutherischen oder gar reformierten Konfessionsteil der ehemaligen
Simultankirche beschafft worden sein, also nicht in der lutherischen Zeit
Schneidhains von um 1540 bis 1581
und auch nicht in dessen reformierter Zeit von 1581 bis in den
Dreißígjährigen Krieg hinein. Zudem hatten die Reformierten 1582
vorreformatorisches Kircheninventar als glaubensanstößig aus der Kirche
herausgeräumt. So ist es unwahrscheinlich, daß unser Kruzifix aus damals noch
vorhandenen Resten der vorreformatorischen Ausstattung herrührt. Schneidhain
war im 14. Jahrhundert aus Sulzbach ausgepfarrt und die Schneidhainer Kapelle
zur Pfarrkirche erhoben worden, wann genau, ist offen (vor 1422, aber eher
später als früher, da das Sendgericht in Sulzbach verblieb, was im 13.
Jahrhundert noch unmöglich war). Falls man in Schneidhain ein solches Kruzifix
als für Pfarrkirchen durchaus mögliches Ausstattungsstück besessen haben sollte
- dann kann es dennoch nicht das alte sein: 1. Die Ausstattungsphase der zur
Pfarrkirche erhobenen Kapelle liegt viel früher als die Datierung des
erhaltenen Stückes in das ausgehende 15. oder in den Beginn des 16.
Jahrhunderts. 2. Wenn es denn tatsächlich für Schneidhain gekauft worden wäre,
dann hätte man es spätestens 1582 herausgeräumt.
Es
bleibt also nur ein noch späterer Erwerb übrig, der eigentlich nur nach dem
Zeitpunkt liegen kann, zu welchem 1650 der „Bergsträßer Rezeß“ (oder „Neuenhainer
Vertrag“) Schneidhain an Kurmainz gab und die alte Pfarrkirche sowohl den Reformierten
als auch den Katholiken zu dienen hatte - als Simultankirche. Folglich sprechen
die Quellen für die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts über systematische Reparaturen
und Instandsetzungsmaßnahmen der Kirche. Und wir haben hinzuzufügen, daß damals
der Kirchenbau natürlich auch neu für den katholischen Kult ausgerüstet worden
sein muß, insbesondere der Chor, welcher den Katholiken vorbehalten war. So ist
es wahrscheinlich, daß damals ein schon altes Kreuz mit abnehmbaren Corpus nach
Schneidhain kam. Da man es von einem anderen Ort hierher verbracht haben muß,
kann das nicht ohne Beteiligung der weltlichen wie auch geistlichen Obrigkeit
geschehen sein. Beides war damals Kurmainz, und der Erzbischof war dies ebenso
im benachbarten Königstein. Dort ließ der Kurfürst gerade fleißig bauen, so daß
kirchliches Inventar „frei“ wurde und zur Neuausstattung Schneidhains genutzt
werden konnte - eine Vermutung und hinsichtlich unseres Kruzifixes im engeren
Sinne nicht „beweisbar“.
Kurfürst
Anselm Franz von Ingelheim (1679-1695) ließ die alte St.-Marien-Stiftskirche
(„Kugelherren-Kirche“, „Winterkirche“) und das Stiftsgebäude der Kugelherren
abbrechen und mit dem dabei anfallenden Material das neue Kapuzinerkloster und
dessen Kirche errichten. Dabei anfallende Ausstattungsstücke sind noch
nachweisbar, z.B. die Madonna (um 1430/40) in der heutigen katholischen
Pfarrkirche St. Marien oder Holzskulpturen, zunächst in die 1813 abgebrochene Kapuzinerkirche
und auf privaten Umwegen ins Burg- und Stadtmuseum Königstein gelangt: der
Johannes vom Hochaltar (um 1440/60) und die St.-Barbara-Statue (um 1480/1510).
Zu diesem Ensemble könnte auch das Kruzifix gehört haben.
Parallel
dazu baute sich Erzbischof Anselm 1687 eine kleine Sommerresidenz (das
nachmalige „Luxemburger Schloß“) und ließ den Ausbau der Festung Königstein
nach 1670 mit dem Umbau des mittelalterlichen Palas zu einer katholischen Festungskirche
abschließen. Diese wurde vollkommen neu ausgestattet. Die spätmittelalterliche
Burgkapelle und deren - längst dezimierte - Ausstattung hatten nun endgültig
für den Festungsbedarf ausgedient. Auch von hier kann Inventar mittelalterlicher
Zeitstellung nach auswärts gegeben worden sein, dann in den 1670er Jahren.
Wenn
sich also die Möglichkeit ergibt, daß das Schneidhainer Kruzifix aus Königstein
stammen könnte, dann muß nach den Ausstattungsphasen von Kugelherrnkirche und
Burgkapelle gefragt werden, da wir die Datierung des Kruzifixes grob kennen,
nämlich ausgehendes 15. Jahrhundert oder weiterer Zeitraum um 1500.
Die
Neuordnung der kirchlichen Verhältnisse nach Übernahme der Herrschaft
Königstein durch die Eppsteiner brachte dem schon älteren Kirchenbau in der Vorburg/Altstadt
ein Altaristen-Kollegium, das bereits für 1439 als bestehend belegt ist. Für
dieses ist die Kirche um- oder gar neu gebaut worden; die erhaltenen Ausstattungsstücke
datieren in den Zeitraum 1430/50: die Statue der Muttergottes und das
Johannes-Relief vom Hochaltar (siehe oben). In diese Ausstattungsphase kann
unser Kruzifix nicht gehören. 1466 wurde die Kirche dann zur Stiftskirche
erhoben und in Königstein eine Pfarre eingerichtet; 1467 besetzte Eberhard III.
von Eppstein-Königstein dieses Stift mit ausgesprochenen Vertretern der
„Devotio moderna“, mit den Kanonikern „vom Gemeinsamen Leben“, den
„Kugelherren“, welche eine für sie geeignete und vor allem auch neu ausgestattete
Kirche vorfanden. Ein Kruzifix mit schwenkbaren Armen und damit auch ein Hl.
Grab könnte für sie allenfalls Ergänzungsausstattung gewesen sein, sofern
nicht schon vorhanden.
Mit
dem Ausstattungs-Zeitraum eines zweiten Sakralraumes in Königstein kommen wir
indes dem Datierungszeitraum für das Kruzifix näher. Es ist die Kapelle auf
Burg Königstein. Diese hatte Eberhard III. von Eppstein-Königstein
(1441/42-1475) (neu) erbauen lassen, wann ist mangels Forschung auf Burg
Königstein durchaus offen. Ebenso ist nicht abschließend geklärt, ob sie eine
hochmittelalterliche Vergängerin hatte oder die Kapelle in der Vorburg/Altstadt/Oberstadt
(die spätere Kugelherrnkirche) mit der indirekten Erwähnung des frühen 13.
Jahrhunderts gemeint ist. Jedenfalls erhebt 1474 der Erzbischof diese
Burgkapelle zu einer Pfarrkirche für die „Schloß“-Gemeinde, zunächst nur
befristet; aber von einer Aufhebung der Rangerhöhung hört man nie etwas. Wegen
erweiterter Funktionen muß die Kapelle ergänzend ausgestattet worden sein. Für
Pfarrkirchen des späten Mittelalters haben wir oben das Vorhandensein eines Hl.
Grabes als üblich festgestellt, so daß damals ein Kruzifix mit anlegbaren Armen
für ein solches beschafft worden sein kann.
Drei
Überlegungen könnten diese Annahme stützen: Die Ausstattung der
Burg-Pfarrkirche ging auch nach dem Tode Eberhard III. Anfang 1475 weiter:
Durch Zufall hat sich das Rechnungsbuch seiner Schwiegertochter Elise („Loys“)
von der Mark für 1488 erhalten. Der Burghaushalt gibt 2 Gulden aus, um
Pergament für ein Meßbuch zu kaufen „in die Kirche“. Und daß auch ein Kauf von
Kunstgegenständen im Ausland möglich war, belegt ein Reisekostenvorschuß von
2 Gulden, 7 Schilling und 1 Heller (als Darlehen!) für einen Ritt und
Verpflegung „in Welschland“. Es kann natürlich nur eine rhetorische und nicht
beantwortbare Frage sein, ob das etwa die „Spesen“ für den Kauf des Kruzifixes
waren.
Sodann
ist zu notieren, daß sich die Eppsteiner nach Teilung ihrer Linien im Jahre
1433 in Eppstein-Königstein und Eppstein-Münzenberg ihre zur Burg Eppstein
gehörige Pfarrkirche schon um 1430/40 mit einem Hl. Grab ausstatten ließen -
durch die Schule Madern Gertheners nach dessen Tod (1431). Es ist dies ein
Wandnischengrab mit gemalten Trauerfiguren, aber ohne plastischen Leichnam
Jesu, so daß ein Kruzifix mit anlegbaren Armen oder eine separate
Leichnams-Skulptur vorauszusetzen ist. Wenn die nächste Verwandschaft in ihrer
Pfarrkirche „so etwas“ hatte, liegt es nahe, daß die Eppsteiner in Königstein
nach Erhebung ihrer Burgkapelle zur Pfarrkirche nun auch „so etwas“ gewollt
haben mochten.
Und
daß sie dann tatsächlich „so etwas“ auf Burg Königstein hatten, belegt schließlich
eine zumeist unterschätzte Quellengattung: die Inventare von Burg und Festung
Königstein. Nachdem die katholisch aufs Prächtigste eingerichtete und
ausgestattete Burgkapelle unter dem ersten lutherischen Burgherren, Graf Ludwig
von Stolberg (1535-1574), zu einer argen Rumpelkammer verkommenen war und
längst als Kanonenkugel- und Pulvermagazin genutzt wurde, legte man mehrfach
Inventurverzeichnisse an, wohl wegen des nunmehrigen „militärischen“ Inhalts
und zu gänzlich unterschiedlichen Gelegenheiten. 1562 ist dann auch „ein Kleins
gewelbin, darin man vortzeiten das grab in der Osternacht gehalten hadt, darin
findt man [nun] pulffer und pulffer laden“ verzeichnet, also eine „gewölbte“
Hl.-Grab-Nische, wie eine solche noch in Eppstein vorhanden ist, die damals
aber zum Lagern von Schießpulver genutzt wurde. Demnach ist in der Burgkapelle
die oben geschilderte Kar- und Osterliturgie wirklich vollzogen worden, wie sie
für Pfarrkirchen üblich war - zumindest hatte man baulich schon dafür
vorgesorgt. Hierzu gehört dann auch ein Grabchristus oder ein Kruzifix mit
schwenkbaren Armen. Wie diese Grabnische aber aussah und ob sie noch vorhanden
ist, muß unbekannt bleiben, da die Eigentümerin, die Stadtverwaltung
Königstein, der Forschung den Zutritt zu diesem Teil der Ruine verwehrte.
Aber
damit noch nicht genug: Nach gründlicher Renovierung der Burgkapelle im Jahre
1548/49 für die Hochzeit von 1550 und hernach für die Doppelhochzeit von 1566
verzeichnet das Übergabe-Inventar von 1581 immer noch als vorhanden: ein
kleines hölzernes Heilig-Grab auf dem Schrank zwischen den beiden Altären.
Damals war sogar noch der hölzerne Einsatz vorhanden, den man in die
Hl.-Grab-Nische stellen konnte. Es ist allerdings nicht beschrieben, ob mit
Grabchristus oder leer für einen Kruzifix-Corpus, dann zwingend mit
schwenkbaren Armen. Auch diese Situation ließ sich vorort nicht überprüfen oder
nachmessen, da die Stadtverwaltung Königstein den Zutritt in die ehemalige
Burgkapelle nicht gestattete.
Aufgrund
dieser Umstände halten wir es für wahrscheinlicher, daß das Kruzifix aus der
Königsteiner Burgkapelle stammt, als daß man es aus der Stadtpfarr- und
Stiftskirche der „Kugelherren“ nahm. Eine Herkunft aus anderen Sakralbauten
Königsteins, etwa aus der heutigen St. Marienkirche oder der
Wendelins-Kapelle, erscheint wegen deren Geschichte ausgeschlossen. Auch der
Entstehungszeitraum des Schneidhainer Kruzifixes paßt eher zur
Ausstattungsphase der Burgkapelle als Pfarrkirche als zu derjenigen der
nachmaligen Stiftskirche in der Oberstadt. Dennoch lassen es die geschilderten
Rahmenbedingungen offen, wann genau ein solches Kruzifix beschafft worden sein
kann. Als Auftraggeber können viele infrage kommen, etwa noch Eberhard III.
als Bauherr (+1475) oder dessen Sohn Philipp (+1481). Des letzteren Witwe Loys
von der Mark hat nachweislich weiter ausgestattet, für ihre unmündigen Kinder
bis 1488/92 Vormund und Regentin der Herrschaft Königstein. Sodann ist deren
Sohn in Betracht zu ziehen: Eberhard IV. von Eppstein-Königstein (+1535)
regierte ab 1488 gemeinsam mit der Mutter, ab 1492 selbständig.
Sicherlich:
Loys von der Mark hat die Burgkapelle noch ausgestattet. Ihr 1505 in den
Grafenstand erhobener Sohn aber, der bedeutendste und letzte Eppstein-Königsteiner,
war nun ein besonderer Freund der Künste - und zwar der wirklich exzeptionellen
und innovativen. Das ist bisher in kunstgeschichtlichem Zusammenhang noch nie
gewürdigt worden. Unbeschadet eines späteren Kommentars sei hier wenigstens
benannt: Nach neuesten Forschungen ist Eberhard IV. (als etwa Zwanzigjähriger)
nicht nur Auftraggeber, sondern auch Dargestellter auf dem berühmtesten Liebespaar-Gemälde
des deutschen Mittelalters. Es stammt vom Hausbuch-Meister aus Mainz und hängt als
„Doppelbildnis eines Brautpaares“ heute im Museum zu Gotha. Dargestellt ist die
Verlobung Eppstein - Eppstein im Jahre 1494. Eberhard IV. ist weiterhin der
Auftraggeber eines Nautilus-Reliquiars, eines der frühesten der deutschen
Renaissance. Es muß nach 1505 für die Königsteiner Burgkapelle gefertigt worden
sein. Eberhard IV. schenkte es 1518 dem Kardinal Abrecht von Brandenburg für
dessen Hallesches Heiltum. In der Folge ist es auch im Aschaffenburger Codex
Man.14 abgebildet, den Albrecht zur Regie-Anweisung für die Heiltumsweisungen
hat erstellen lassen (fol. 420; IX. Gang Nr. 12). Dieses Reliquiar zeigt
übrigens als ältestes Denkmal das Königsteiner Wappen mit dem 1505
hinzugefügten Löwen.
Einem
solchen Kunst-“Narren“ und Mäzen für das Außergewöhnliche wollen wir am
liebsten zutrauen, ein Kruzifix mit schwenkbaren und abknickbaren Armen für die
Königsteiner Burgkapelle beschafft zu haben. Dennoch ist zu wiederholen: Wir
wissen es nicht und können es nicht „beweisen“, woher das Schneidhainer Kruzifix
in die alte Johanniskirche gekommen ist. Aber aufgrund der oben ausgebreiteten
historischen Umstände halten wir denn dafür, daß es sich beim Schneidhainer
Kruzifix um jenes handeln könnte, das im ausgehenden 15. Jahrhundert und um
1500 in der Königsteiner Burgkapelle dem herrschaftlichen Kar- und
Ostergottesdienst gedient hat. Es ist dann wahrscheinlich, daß es von Eberhard
IV. auf dem Kunstmarkt für „Devotio-moderna-Sakralsachen“ gekauft wurde.
Absicherungen dieser Hypothese, etwa mittels eines
Maßvergleiches zwischen Kruzifix-Höhe und Ostergrabnischen-Breite, waren, wie
geschildert, nicht möglich. Demgegenüber ist der Schneidhainer Feuerwehr Lob
zu zollen; ohne deren Übung, das Kruzifix als Kunst- und Geschichtsgut zu
„retten“, eine Nahsicht darauf nicht möglich gewesen wäre und dieser Bericht
auch nicht hätte geschrieben werden können.
Literatur:
Hans Belting: Das Bild und sein Publikum im
Mittelalter. Form und Funktion früher Bildtafeln der Passion, Berlin 1981.
Rudolf Berliner: Arma Christi.
in: Münchner Jahrb. d. Bildenden Kunst, III. Folge, 6, 1955, S. 35-135.
Hartmut Bock: Die Verlobung
Eppstein - Eppstein 1494 und das „Gothaer Liebespaar“, in: Mainzer Zeitschrift
87/88, 1992/1993, S.157-182.
Hans-Georg Böhme: Zur Leiden-Christi-Verehrung im Spätmittelalter. Bau- und
religionsgeschichtliche Untersuchungen auf Grund der Weilburger
Passions-Kultstätte, in: Hess. Ann. 62, 1951, S. 67-97.
Bruno Borchert: Mystik. Das Phänomen - Geschichte der Mystik - Neue
Wege, hrsg. u. aus d. Niederländischen übersetzt von Hugo Zulauf, Königstein
1994.
Michaela Burek, Jürgen Michler und Peter Vogel: Eine neuentdeckte frühe Bodensee-Pietà in Meersburg, in:
Zeitschr. f. Kunsttechnologie und Konservierung 6, 1992, H. 2, S. 315-330.
Wilhelm Dersch: Chorherren und Ritter,
Kapellen und Darstellungen des Heiligen Grabes in Hessen, in: Archiv f. Hess.
Gesch.- u. Altertumskde. NF 22, 1942, S.244-269.
Volker Ehlich: Konstruktiver Aufbau zweier italienischer Holzkruzifixe
aus dem Bestand der Skulpturensammlung der Staatlichen Museen zu Berlin.
Ergebnisse einer Untersuchung, in: Beitrr. z. Erhaltung v. Kunstwerken, Heft
4, 1990, S. 98-106.
Wolfgang Erdmann: Die Königsteiner Burg im Mittelalter. Aus dem
umfangreichen Manuskripte ... zusammengestellt von Otto Katzer, in: Königstein Burgfest 1993 ... Festbuch, Königstein
1993, S. 37-75.
Wolfgang Erdmann: Die Reichenau im Bodensee. Geschichte und Kunst (Die
Blauen Bücher), 10. neu bearbeitete und erweiterte Auflage. Königstein i.T.
1993.
Wolfgang Erdmann: Der Schneidhainer Kruzifixus (E. 15. Jh.). Ein
eppstein-königsteinischer „Klapp-Christus“ für die spätmittelalterliche
Karliturgie und Marienklage nach 1470/74 in der Burgkapelle Königstein.
Führung des Vereins für Heimatkunde Königstein ... am 2. April 1995 ....
Begleitendes Informationsblatt ... zur Ergänzung der mündlichen Ausführungen
..., vervielfältigt als Manuskript, (Königstein) 1995. [Dort weitere
Abbildungen und Literatur-Angaben.]
(Wolfgang Erdmann:) Der Schneidhainer Kruzifix, in: Königsteiner Woche, 26.
Jg. 1995, Nr. 14 vom 7. April 1995, S. 3 [Teil-Abdruck hier S. 37].
Wolfgang Erdmann: Zur spätmittelalterlichen Osterliturgie im Lübecker Dom
sowie zu den dabei genutzten Reliquien und Kunstwerken, in: Schriften d.
Vereins f. Schleswig-Holst. Kirchengesch., 2. Reihe: Beitrr. u. Mitt., 44, 1990
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1997).
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Friedrich Stöhlker: Auf Schloß Königstein vor 415 Jahren. Inventare aus
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Gesine und Johannes Tauber: Mittelalterliche Kruzifixe mit
schwenkbaren Armen. Ein Beitrag zur Verwendung von Bildwerken in der Liturgie,
in: Zeitschr. d. Dt. Ver. f. Kunstwiss. 23, 1969, S. 79-121.
Gesine Tauber: Die Marienklage in der Liturgie des Karfreitags. Art
und Zeitpunkt der Darbietung, in: Dt. Vierteljahresschr. f. Literaturwiss. u.
Geistesgesch. 49, 1975,
H.4, S. 606-627.
Karl Young: The Drama of the Medieval Church, 2
Bde., Oxford 1933 (2. Auflg. 1955; Nachdruck: 1977).
Anhang:
Auszug aus dem Zeitungsartikel
über die Führung des Vereins für Heimatkunde Königstein zum Schneidhainer
Kruzifix mit schwenkbaren Armen und die bei dieser Führung gemachten
Beobachtungen zum derzeitigen Zustand des Kunstwerkes:
(Wolfgang Erdmann:) Der
Schneidhainer Kruzifix, in: Königsteiner Woche, 26. Jg. 1995, Nr. 14 vom 7.
April 1995, S. 3, Teil-Wiederabdruck:
Die genaue Betrachtung des
Kruzifixes aus der Nähe ließ über die Kenntnis der vier Gelenke in den Achseln
und Ellenbogen hinaus noch weitere Feststellungen zu, die hier mitgeteilt
seien, da eine derartige Inaugenscheinnahme auf absehbare Zeit nicht mehr
möglich sein wird:
1. Nicht nur die Arme des Gekreuzigten
sind hohl, um die Gelenk-Lederbänder befestigen zu können. Der eigentliche
Körper selbst ist es ebenfalls. Zu sehen war ein dünner, gradliniger Riß in der
Farbfassung über der Fuge von zwei zusammengesetzten schalenartigen
Werkstücken. Auch dies entspricht den Konstruktionsprinzipien italienischer
Christusfiguren mit schwenkbaren Armen (und oft auch Beinen sowie dem Kopf).
2. Unter der jetzigen Farbfassung
mutmaßlich des Barock ist an den wenigen Fehlstellen eine ältere, offenbar
dickere und gut erhaltene Farbfassung zu sehen. Sie dürfte die ursprüngliche
sein; ihre Fleischfarbe ist leicht dunkler.
3. Überstrichen erscheinen kleine
Vertiefungen in der ansonsten glatten „Haut“. Es könnte sich um ausgestichelte
Geißelspuren handeln, über welche die spätere Farbfassung aufgetragen worden
ist.
4. In der Dornenkrone stecken
noch geringe Reste von Eisen(?)-Drähten, ehemals die Dornenstacheln darstellend.
Ursprünglich war die Dornenkrone also „stacheliger“, später wurden diese
Drahtstacheln bewußt oder bei Gebrauch abgebrochen.
5. Sowohl in den Händen als auch
in den Füßen der Figur sind die verdübelten oder zugegipsten Löcher zu sehen,
durch welche die (mutmaßlich als Holzschrauben ausgebildeten) Befestigungsnägel
geführt worden waren, mittels derer man den Corpus ursprünglich vom Kreuz
nehmen konnte. Die jetzigen, neuen Kreuzesnägel sind eingedübelt und fixieren
den Corpus unabnehmbar am Kreuz (weswegen bei der Führung auch die Arme nicht
angeklappt werden konnten.
6. Durch (erneuerte) Bindfäden in
den Armen, die im Nacken austreten, konnten die Arme in ihrer jeweiligen
Haltung bzw. Beugung nach der Abnahme vom Kreuz fixiert werden, also als Corpus
einer temporären Pietà und als Grabchristus mit völlig an den Körper angelegten
Armen.
Der Verein für Heimatkunde
empfiehlt, dieses besondere Kruzifix, dessen Feinausarbeitung auf eine Nahsicht
eingerichtet ist, längerfristig vom „Spanischen Altar“ herunter zu nehmen und
an anderem Ort in der Schneidhainer Kirche aufzuhängen (etwa wie früher als
„Missionskreuz“), um diese Nahsicht auch zu ermöglichen.