von Otto Katzer
Es ist gar nicht so lange her, daß man im Frühling in Schneidhain ringsum
den Kuckuck rufen hörte. Da gab´s noch Streuobstwiesen mit Apfelbäumen, an denen
der Kuckuck seine Lieblingsspeise fand, behaarte Raupen, die von anderen Vögeln
verschmäht werden. Aber durch die Bebauung hat man seinen Lebensraum
eingeschränkt, durch das Spritzen nicht nur das Nahrungsangebot vermindert,
sondern mit der Chemischen Keule zugleich auch die Vögel totgeschlagen. Die
Vermehrung der Rabenvögel, denen wenig natürliche Feinde nachstellen, tat ein
übriges, daß das Kuckucksweibchen kaum noch ein Nestgelege findet, dem es ein
Ei anvertrauen kann.
Nur noch selten hört man den Kuckuck den Frühling
einläuten. Sein Frühlingskonzert hat einst von den Waldrändern um Schneidhain
nach Königstein hinauf geschallt und den Schneidhainern den Uznamen »Kuckuck«
eingetragen. Damit konnte man sie furchtbar ärgern, und manchmal setzte es Prügel.
Inzwischen ist das anders. Zur
Fastnacht wird die Bühne als Wolkenkuckucksheim drapiert, ein riesiger
glitzernder Kuckuck schaukelt von der Decke, die örtlichen Vereine nennt man die »Schnaademer
Kuckuckseier«, und für gelungene Büttenreden aus Kuckuckshausen gibt es den
begehrten Kuckucksorden.
Spitznamen haben alle umliegenden Ortschaften: Die
Königsteiner werden »Plasterschisser« genannt, weil sie wohl den Stolz auf
gepflasterte Straßen gegenüber den ländlichen Gemeinden mit ihren Sommerwegen
allzudeutlich hervorhoben; heute kann man sie nicht mehr damit necken: Die
Narrenzunft nennt sich mit dem Spitznamen und hat sich ein deftig
illustrierendes Wappen gegeben. Die Fischbächer heißen »Hanseklinger«, was die
einen vom fleißigen dengeln der Sense ableiten, die anderen vom
Gläserklingenlassen, wobei sie sich sogar auf einen Eintrag im Kirchenbuch
berufen können. Die Falkensteiner heißen »Himbeeren«. Die Neuenhainer nennt man
»Neuehaaner Gäle Riebe«, die Altenhainer »Alehaaner Wutzcher« und die Mammolshainer
»Mammolshaaner Schnake«.
Auffällig ist bei Mammolshain die Aussprache des
Namensteils -hain, das lang und nasal wie franz. Jean gesprochen wird. Dagegen
nennt man Schneidhain Schnadem. Man spricht es also aus wie Kelkheim = Kelkem,
Sossenheim = Sossenem. Daraus schließt Pfarrer Otto Raven (1895-1983), daß
Schneidhain ein sogenannter
-heim-Ort ist, also früher »Schneidheim« hieß. Tatsächlich erscheint es
so oder auch als »Schneitheim« in alten Karten, so z.B. in der Karte des
Rotenbergs von Sebastian Wolff 1592 und auch noch 1819 in der Karte des
Herzogthums Nassau.
Raven vermutet, daß das Dorf eine fränkische Siedlung
der zweiten Siedlungswelle ist. Diese Ortsnamen setzen sich aus einem Sachwort
und der Endung -heim zusammen, nicht wie bei der ersten aus einem Personennamen
und der Endung -heim wie z.B. Sossenheim = Suozinheim = Heim des Suzo. Dagegen
spricht, daß es in der Höhenlage von Schneidhain (282 m ü.NN im alten Ortskern) südlich des
Taunuskammszwischen Urselbach und Mainmündung keine Orte gibt, die man dieser
Siedlungsphase zurechnen könnte. Da hilft es auch nichts, wenn man meint, der
Name Schneitheim habe sich den Ortsnamen umliegender -hain-Orte angeglichen.
Um Schneidhain liegen die Dörfer Mammolshain, als
Meinboldshagen 1191 erstmals urkundlich erwähnt wie Neuenhain = Nuwenhagen;
Altenhain 1282 als Aldenhagen bona regis, also Königsgut, und als Aldenhagen
muß es wohl älter sein als Nuwenhagen; Eppenhain 1280/85 und Ruppertshain nach
1290 als Ruprechtshain. Schneidhain heißt 1215 Sneithan und 1222 Sneithagin.
Aus Sneithagin wird die Entstehung als Rodungsort
deutlich. Der Namensteil Sneit- kommt ahd sneida, mhd sneite und bedeutet einen
durch den Wald gehauenen Weg wie das heutige Schneise; -hagin kommt von hag und
ist erhalten in Gehege, hegen = einfriedigen und bedeutet Hof, auch
eingezäuntes Waldstück, »heiliger Hain«. Im altdeutschen Sprachgebrauch
bedeutete Hag auch einen Hof, der nicht als Herrensitz anzusehen war, einen
abgelegenen, untergeordneten Hof, also ein Vorwerk eines größeren Gutes. Der
Verwalter war wirtschaftlich vom Herrn abhängig, manchmal so sehr, daß er nicht
heiraten konnte; er war ein hagastalt oder hagustalt, woraus sich das Wort
Hagestolz für einen Junggesellen entwickelte.
Das im alten Dorfbering neben der Kapelle noch erhaltene
Gebäude, von dem jedoch nach vielen Um- und Anbauten nicht mehr viel alte
Bausubstanz erhalten ist, könnte dieser Hof sein, der auch der Dinghof war. Bei
ihm wurde das höfische oder auch Dinggericht gehegt, ein Niedergericht, dem die
höfischen (unfreien) Bauern unterworfen waren. Die Kapelle neben dem Dinghof
ist schon früh zur Pfarrei erhoben worden, worauf die sehr alt anmutende
stattliche Pfarrbesoldung und das alte Johannes-Patrozinium hindeuten. Die
Kapelle war von 1650 an Simultankirche, bis 1949 die Katholiken ein neues,
eigenes Gotteshaus errichten, das wiederum als Marienkirche geweiht wurde wie
1741 ein Neubau der eingestürzten gotischen Kirche.
Beide Kirchen nennen sich aber weiterhin nach dem Täufer
Johannes, und so wird auch die Kirchweih am Wochenende nach dem 24. Juni
gefeiert. Auch in ärmlichen Zeiten wurde die Kerb gehalten, wie uns eine
Novelle von 1814 überliefert: »Heute war Kirchweih im Örtchen, aber dennoch war
nicht einmal ein Milchbrod, viel weniger Kuchen darin zu finden. O könnte der
Prasser und Verschwender in Minuten wo sein Gewissen erwacht, sich schnell in
diese Reviere versetzen und den Fleiß und die Zufriedenheit der ärmlichen
Bewohner betrachten. Vielleicht, daß er seinen Überschuß zu besseren Zwecken
verwenden und edlere Freuden kennen lernte.«
Am Samstag nach Johannes dem Täufer wird ein Kerbebaum im Wald geschlagen und, mit bunten Bändern geschmückt, mit dem Schlackes aufgestellt. Es fällt aber schwer, immer wieder Kerbeburschen zu finden, die beim Einholen des Kerbebaums den Zug mit einer Kerbefahne anführen. Und was meinen Sie wohl, was auf der Kerbefahne im Wind flattert? Richtig geraten: ein Kuckuck. (Aus: Heimat Hochtaunus, 1988)